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Atlas zu deutschen Familiennamen

Wie taufte man vor 800 Jahren seine Söhne? Die Antwort steht im Telefonbuch, die Gründe im Deutschen Familiennamenatlas.

HENNING PETERSHAGEN |

Man kann lange suchen, bis man in deutschen Adress- oder Telefonbüchern Familiennamen wie Kevin, Linus oder Torben findet. Ganz im Gegensatz zu den tausenden Hartmann, Lorenz oder Otto. All diesen Namen ist gemein, dass es Vornamen sind. Aber zum deutschen Familiennamen gebracht haben es nur die Hartmann, Lorenz und Otto.

Kein Wunder: Kevin, Linus und Torben sind erst in jüngster Zeit in die deutsche Vornamen-Welt vorgedrungen. Hingegen gab es Hartmann, Lorenz und Otto schon, als sich um 1400 die Familiennamen verfestigt hatten. Was zuvor geschehen ist, vollzieht der Band 6 des Deutschen Familiennamenatlas nach.

Darin analysiert Kathrin Dräger die „Familiennamen aus Rufnamen“. Das ist mit einem Drittel die größte Gruppe unter den Familiennamen, während die Berufsnamen (Müller, Bauer) ein Viertel ausmachen, die Namen nach Herkunft und Wohnstätte (Heilbronner, Berger) 23 Prozent und die Übernamen, etwa nach Haarfarbe und Körperbeschaffenheit (Rot, Dick) 18 Prozent.

Von den Rufnamen waren es meist die der Väter (Patronyme), die zum bleibenden Zweitnamen wurden: Karl, Ottos Sohn wurde zunächst zu Karl Otto. Die regionalen Unterschiede offenbart der Atlas: Mit der Betonung des ersten O in Otto wurde das zweite abgeschwächt, so dass der Otto zum Otte geriet, wie er im Norden immer noch heißt. Der maulfaule Süden strich dann noch das e, so dass Ott übrigblieb. Der Nordwesten bevorzugte die Form Otten. Das ist ein schwacher Genitiv, der die Abkunft mitteilt: Karl (des) Otten (Sohn).

Da die Bildung von Familiennamen aus Rufnamen um 1200 einsetzte, zeigen uns die damals geprägten Nachnamen, welche Vornamen damals üblich waren. Kevin, Linus und Torben nicht.

Doch gab es auch damals Neuzugänge: Zu den klassischen germanischen Familiennamen wie Hartmann und Otto stießen neue aus fremden Sprachen hinzu: Namen biblischer Gestalten, Heiliger und Märtyrer wie Lorenz, der auf Laurentius zurückgeht.

Der Atlas zeigt ein hochinteressantes Phänomen: Im Süden Deutschlands ist nur ein Viertel der aus Vornamen gebildeten Familiennamen christlichen Ursprungs, im Norden und Osten hingegen über die Hälfte. Das beweist, dass die zunächst noch unverbindlichen Zweitnamen in Süddeutschland bereits zu verbindlichen Familiennamen geronnen waren, bevor sich die hebräischen, griechischen und lateinischen Bibel- und Heiligen-Namen etablierten. Der Norden und der Osten hingegen waren weiterhin offen für die „modernen“ fremden Vornamen, die dort noch zu Familiennamen werden konnten.

Germanische Rufnamen bestanden aus zwei Teilen, die beliebig verknüpfbar waren: Her-mann, Man-fr(i)ed, Fried-hild, Hilde-gard. Diese „Vollformen“ haben sich in den Familiennamen vorwiegend im mitteldeutschen Raum erhalten Meist aber waren es die Kurzformen, die zu Familiennamen wurden: Heine, Hein oder H(e)inz von Heinrich, Eber, Ebert oder Eberle von Eberhard.

Tausende Namen nach Nikolaus

Derart verstümmelt wurden auch die christlichen Rufnamen: Johannes geriet zu Jahn, Hans oder sonst einer Kurzversion. Das führte zu einer unglaublichen Fülle an Varianten. Allein Nikolaus brachte über tausend verschiedene Familiennamen hervor, Kathrin Dräger hat ihm  eine eigene Doktorarbeit gewidmet.

Und wo bleiben die Familiennamen aus weiblichen Rufnamen? Es gibt sie, die Mutternamen oder Metronyme, wenn auch selten. Denn Voraussetzung war, dass die Mutter oder Ehefrau ein höheres Prestige genoss als ihr Gatte oder dass der Vater unbekannt war.

Ottos weibliche Form Oda ist einer der seltenen Fälle, die zweifelsfreie Metronyme hervorgebracht haben. Die Koseform Odilia wurde durch die Verehrung der heiligen Odilia populär. Aus den Kurzformen ihres Namens entwickelten sich mehrere Nachnamen, von denen Dilger und Tilger vor allem im Südwesten verbreitet sind.

Odilia ist deswegen eine Ausnahme, weil es bei germanischen Rufnamen die Gleichheit der Namenbestandteile es fast unmöglich macht, festzustellen, wann ein Familienname auf einem Männer- oder Frauennamen basiert. Einfacher ist es mit christlichen Rufnamen wie Katharina. Auf sie führt der Atlas eine Reihe von Familiennamen zurück, so in Bayern Ketterl und zwischen Iller und Lech und nördlich der Donau Ketterle. Darin erkennen wir sofort das schwäbische Kätterle.

Der sechste von sieben Bänden

Namen Sieben Bände wird der Deutsche Familiennamenatlas (DFA) umfassen. Band 1–3 sind der Grammatik der Namen gewidmet. In Band 1 geht es um Schreibweisen und Variationen der Vokale (Hug/Haug); in Band 2 um die der Konsonanten, wie etwa in den Varianten des Namens Schmid/Schmidt/Schmitt; in Band 3 um die Form der Namenbildung (Peters/Petersen). In den drei folgenden Bänden geht es um die Herleitung der Familiennamen nach Herkunft und Wohnstätten, nach Berufs- und Übernamen und den aus Rufnamen entstandenen Familiennamen. Band 7 mit Register und Literaturverzeichnis erscheint demnächst. Der Deutsche Familiennamenatlas entsteht unter Leitung der Namensforscher Konrad Kunze (Uni Freiburg) und Damaris Nübling (Uni Mainz). Verfasserin von Band 6 ist Kathrin Dräger. Das Projekt wird von der DFG gefördert.

Buch Konrad Kunze und Damaris Nübling, Hrsg.: Deutscher Familiennamenatlas, Band 6: Familiennamen aus Rufnamen. De Gruyter, 813 Seiten mit 253 Karten, 299 Euro. pn

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