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Der neue Roman von Bernhard Schlink

In seinem neuen Roman „Olga“ erzählt Bernhard Schlink von unheilvoller Großmannssucht und einer leidgeprüften, bodenständigen, klugen Frau.

VON JÜRGEN KANOLD |

Alles zu groß! Den Deutschen gerate immer alles zu groß, klagt Olga: Herbert, die Liebe ihres Lebens, hat sie an den Kolonialismus und Imperialismus des Kaiserreichs verloren. Soldat in Deutsch-Südwest war er, er kämpfte gegen die Herero, und dann suchte er nicht mehr in der Wüste, sondern im ewigen Eis das Abenteuer und kam auf einer Nordpol-Expedition um. Und Eike, das Kind, das Olga in Pommern umsorgte, ließ sich willfährig verführen von der Lebensraum-Ideologie der Nationalsozialisten und ging stramm und großmäulig zur SS.

Da kommt ihr nun also Ferdinand, der Heidelberger 68er-Student, gerade recht. Die Nazis demaskieren und die Traditionen auf den Prüfstand stellen, ja, aber dass die Studenten auch eine andere Gesellschaft schaffen und gleich noch die Dritte Welt befreien und den Krieg der USA in Vietnam beenden wollen, das findet Olga dann doch zu viel: „,Ihr seid auch nicht besser‘, sagte sie, ,statt eure Probleme zu lösen, wollt ihr die Welt retten. Auch euch gerät es zu groß, merkst du das nicht?‘“

Olga, die Titelheldin des neuen Romans von Bernhard Schlink, ist eine erfahrene, leidgeprüfte,  aufrechte, kluge Frau. Eine Frau aus kleinen Verhältnissen, deren Männer in die Irre laufen und erst im Scheitern auf die Realität stoßen. Eine in der Vergangenheit sehr deutsche Krankheit.

Im Zeitraffer

Bestsellerautor Schlink („Der Vorleser“) hat sich erneut mit der deutschen Geschichte auseinandergesetzt und erzählt eher sachlich auf knapp 300 Seiten von gut 130 Jahren: vom späten 19. bis zum frühen 21. Jahrhundert. Es ist ein rastloses Unterfangen, und es gelingt dem Autor auf dieser komprimierten Strecke kaum,  differenzierte Personen-Porträts auszumalen. Trotzdem bleibt dem Leser diese Olga im Bewusstsein haften – als  eine deutsche Kassandra, eine Seherin des Unheils.

Olga wächst in der preußischen Provinz bei der Großmutter auf, in ärmsten Verhältnissen. Sie lehnt sich gegen das vorbestimmte Schicksal auf, kämpft sich mit Bildung hoch, ergreift den Beruf der Lehrerin. Und findet schon als Kind zu Herbert, dem einzelgängerischen Fabrikantensohn. Aus dem Spielkameraden und dem Seelenverwandten wird der Geliebte. Eine Heirat aber verhindern Herberts Eltern. Als das Glück greifbar wird, stirbt der ruhelose Herbert, der sich an größenwahnsinnigen Fantasien berauscht, auf einer Nordpol-Expedition. In eiligen Schritten aber geht Olgas Lebensgeschichte weiter, kaum endet der Erste Weltkrieg, muss die inzwischen nach einer Krankheit gehörlose und nun als Näherin arbeitende Frau 1945 am Ende des Zweiten Weltkriegs aus ihrem schlesischen Dorf flüchten.

Am Neckar, in einer Universitätsstadt (es ist Schlinks Heidelberg), meldet sich dann im zweiten Teil des Romans überraschend ein Ich-Erzähler zu Wort: Ferdinand. Olga, die ins Pfarrhaus kommt, um für die Familie zu nähen, wird ihm zur Vertrauten, zur warmherzigen Ersatz-Großmutter, zur Freundin. Auch Ferdinand („ein guter Junge . . . aber ein bisschen langweilig“) absolviert rückblickend im Zeitraffer einige Jahrzehnte, bis Olga das Opfer eines Sprengstoffattentats wird und stirbt. Nach einer fast kriminalistischen Episode erwirbt Ferdinand die Briefe Olgas an Herbert. Der dritte Teil des Buches ist dann ein regelrechter Brief-Roman: emotional und mit zwei Pointen.

„Ich muss lernen, mit dieser Wirklichkeit zu leben“, schreibt Olga im Kriegs-Sommer 1915 dem schon seit fast zwei Jahren in der Arktis vermissten Herbert, postlagernd. Er ist ihr gegenwärtig, aber er ist tot, weiß sie. Leider könne sie ihm nicht von den Kindern schreiben, „die merken, dass die Welt aus den Fugen gerät, dass Siege keinen Frieden bringen, dass Gevatter Tod in unseren Familien wie ein Pate zu Hause und dass Vaterland, Heldentod, Ehre und Treue nur Worte sind“. Olgas Briefe erreichen Herbert nicht. Macht nichts, sie sind Literatur, der Schriftsteller Bernhard Schlink richtet sie an uns Leser.

„Olga“ ist kein großer Roman, will natürlich auch kein schmachtendes Epos sein. Es ist geschichtsbewusste Unterhaltung. Aber Bernhard Schlinks Botschaften kommen an.

Weltruhm mit dem Roman „Der Vorleser“

Der Auto r Bernhard Schlink, geboren 1944 bei Bielefeld, ist Jurist und lebt in Berlin und New York. Der 1995 erschienene Roman „Der Vorleser“, 2009 von Stephen Daldry verfilmt, in über 50 Sprachen übersetzt und mit nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet, begründete seinen schriftstellerischen Weltruhm.

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