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Zerrissene Identität

Mesut Özil und Ilkay Gündogan haben mit ihrem Treffen mit Erdogan der Integration einen Bärendienst erwiesen.

MAGDI ABOUL-KHEIR |

Gerald Asamoah war zwölf, als er aus Ghana nach Deutschland kam. Er wurde deutscher Nationalspieler, ein Musterbeispiel für Integration. Als er gefragt wurde, ob er stolz sei, Deutscher zu sein, antwortete er: „Ich bin stolz, für Deutschland zu spielen.“ Man sah ihm diesen Stolz an.

Vielleicht würden es Mesut Özil und Ilkay Gündogan auch so formulieren. Doch die beiden haben sich mit dem wahlkämpfenden türkischen Präsidenten Erdogan ablichten lassen. Gündogan übergab ihm ein Trikot mit der Aufschrift: „Für meinen verehrten Präsidenten – hochachtungsvoll“.

Gestern hat Bundestrainer Löw seinen vorläufigen WM-Kader bekanntgegeben. Özil und Gündogan gehören dazu. Selbstverständlich, sagt Löw. „Jeder Mensch macht Fehler, wir müssen ein Maß wahren“, sagt DFB-Präsident Grindel. Aber man hätte anders entscheiden können.

Gündogan hat sich „zu den Werten des DFB“ bekannt und gesagt: „Fußball ist unser Leben und nicht die Politik.“ Aber er irrt: Wenn eine Fußball-WM in Russland stattfindet, wenn die Nationalmannschaft als Multikulti-Startruppe antritt, ist Fußball immer auch Gesellschaftspolitik. Besonders, wenn nun das deutsch-türkische Spannungsverhältnis hineinspielt.

Denn es geht um Identität. Die Identität jedes Menschen setzt sich aus vielen Rollen, Sichtweisen und Erfahrungen zusammen. Aus sozialen, kulturellen, religiösen, familiären, ethnischen, materiellen, psychologischen Aspekten. Viele dieser Rollen überlagern sich, aber nicht alle – manche widersprechen sich sogar. Wie all das in einem Menschen zusammenwirkt, macht seine komplette Identität aus. Das Individuum.

Es ist verständlich und tagtäglich zu beobachten, dass bei vielen Migranten, aber eben auch etwa bei Deutsch-Türken der dritten oder vierten Generation, die Frage der Identität keine simple, abgeschlossene, runde Sache ist. Kann sie gar nicht sein. Widersprüche, Spannungen gehören dazu – manchmal bis zum Zerreißen.

Eine Gesellschaft muss das verstehen und aushalten. Aber eben nur bis zu einer Grenze. Die wird vom Grundgesetz gezogen. Und ein Bekenntnis zu gemeinsamen grundlegenden Werten gehört dazu.

Özil und Gündogan mögen unreflektierte junge Superreiche sein, die in einer Blase von Familie, echten und falschen Freunden, mehr oder minder windigen Beratern und Einflüsterern leben. Aber sie sind volljährig, nicht zuletzt dank Millionen Followern in den sozialen Medien auch Vorbilder. Ihr Reden und Handeln hat Folgen.

Besonders Gündogan hat als deutscher Nationalspieler mit der Aussage über „seinen“ Präsidenten Erdogan die Grenze überschritten. Ob durch die Debatte nun ein Lernprozess beginnt? Schön wär’s. Aber erstmal wurde der Sache der Integration ein Bärendienst erwiesen.

Man stelle sich vor, Gündogan oder Özil schössen Deutschland in Moskau zum Titel. Dem Jubel täte das gewiss keinen Abbruch. Und gewiss wären die beiden stolz, deutsche Fußball-Weltmeister zu sein. Aber danach sollten sie sich mal mit Gerald Asamoah unterhalten.

leitartikel@swp.de

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