undefined Function "box_swo_paywall_counter".

Bach, E-Autos und ein Hippie-Jesus

Mit seinen bissigen Texten hat Peter Fischer den diesjährigen „Troubadour“ gewonnen. Der Stuttgarter Wettbewerb gilt als größter seiner Art in Deutschland.

TILMAN BAUR |

Bis nach Mitternacht mussten Künstler und Publikum am Samstag warten, bis der Gewinner des diesjährigen „Troubadour“-Wettbewerbs feststand: Die Wahl der neunköpfigen Jury fiel im vollen Elysee-Saal des Stuttgarter Hotels Le Méridien am Ende des dritten Wettbewerbstags auf den Musikkabarettisten und Liedermacher Peter Fischer.

Der gebürtige Münchner, Anfang 30, versteckt seine beißende Gesellschaftskritik stets hinter einem breiten Grinsen und flott auf dem Flügel vorgetragenen Harmonien, was sie leichter verdaulich macht. In seinem 15-minütigen Set am Samstag verarbeitete er augenzwinkernd traumatische Kindheitserfahrungen (im Klavierunterricht quälte man ihn mit Beethoven und Bach), prangerte das Bedürfnis der Gesellschaft nach Sündenböcken an („Gestern war es der Jude, heute ist’s der Moslem“) und sang ein Loblied auf die Ironie des Alltags, in dem Umweltdemonstranten von Elektro-Autos überrollt werden.

Songs alle selbst geschrieben

Selbst vor der Religion machte Fischer keinen Halt und ließ den rachsüchtigen Gott des Alten Testaments in Streit mit seinem missratenen „Hippie-Sohn“ Jesus geraten. „Geh‘ doch mit Buddha meditieren!“, gibt Gott in Fischers Song seinem Sohn mit auf den Weg.

Seit 2005 findet der Chanson- und Liedwettbewerb mit dem offiziellen Namen „Der Troubadour – deutscher Song Contest“ im Hotel Le Méridien statt. Das Besondere: Die Teilnehmer, ob Solisten, Duos oder Ensembles, müssen ihre Songs selbst geschrieben haben. Der „Troubadour“, dessen Pate der Schweizer Liedermacher Stephan Sulke ist, gilt als bundesweit größter seiner Art.

Dass die Entscheidung der Jury so großes Kopfzerbrechen gemacht hat, war Peter Fischers starker Konkurrenz geschuldet. Fünf Teilnehmer hatten es ins Finale am Samstag geschafft, vier durchs Publikum gewählte, einer als Joker der Jury.

Die Hannoveranerin Marie Diot, später Fünftplatzierte, hatte den Auftakt des Finales bestritten. Die mit schwarzer Hornbrille, zu weitem Hemd und hochgesteckten Rastazöpfen auftretende Diot erinnerte vor allem in ihren selbstironischen Ansprachen zwischen den Songs an einen jungen und weiblichen Helge Schneider. Durch ihren Sprachwitz hatte sie das Publikum schnell auf ihrer Seite. In ihren oft sarkastischen Songtexten geht es um gescheiterte Beziehungen, Menschen, die ihr Alter verdrängen und Männer, die ihre Freundinnen für Frauen verlassen, die Cindy heißen.

Den größten Zuspruch beim Publikum fand das am Ende zweitplatzierte Duo „Astra van Nelle & der Lorbeerstorch“, zumindest wenn man „Bravo“-Rufe und Applaus-Lautstärke als Maßstab zugrunde legt. Die beiden Heidelberger Männer sind musikalisch irgendwo zwischen Songwriter-Pop und Punk zu verorten. Das Stuttgarter Publikum zogen sie mit klamaukigen Mitklatsch-Einlagen auf ihre Seite. Ihr Repertoire beinhaltet darüber hinaus Seitenhiebe auf gesellschaftliche Verhältnisse und melancholische Selbstbespiegelung.

Auch Lennart Schilgen spottet gern über sich selbst. Der Künstler hat schon vor vier Jahren den Troubadour-Förderpreis gewonnen und war als einziger Finalist nicht durch das Publikum, sondern als Joker der Jury im Finale gelandet – am Ende gab es für ihn den dritten Platz. Sein Song „Ich bleib‘ hier“ handelt von einem Verlassenen, der zum Stalker wird und nachts am Fensterbrett seiner Exfreundin kauert.

Die in München lebende Thüringer Sängerin Christin Henkel landete auf dem vierten Rang. Sie verarbeitete ihr chronisches Aufschieben pointiert im Song „Prokrastination“, in einem anderen Lied spottete sie über eine Bekannte mit Laktoseintoleranz. Diese „kriegt vom Zucker Falten und hat Angst vor Weißmehl“, hat aber „auch nach 15 Caipirinhas noch kein Gluten im Blut“.

Kopf-an-Kopf-Rennen

Einen klaren Sieger auszumachen, fiel nicht nur der Jury schwer. „Ich habe keinen Favoriten“, sagte der Stuttgarter Horst Lost, der mit seiner Frau Andrea zum Zuschauen gekommen war. Die beiden besuchten die Veranstaltung schon zum dritten Mal. Sie hören gern französische Chansons à la Jacques Brel oder Georges Brassens und vermissen das Genre im Programm deutscher Radiosender. Deshalb sei es umso besser, so die beiden, dass Wettbewerbe wie der „Troubadour“ jungen Liedermachern eine Bühne böten.

125 Bewerber werfen ihren Hut in den Ring

Hauptwettbewerb 125 Liedermacher hatten sich dieses Jahr beworben, 18 davon schafften es in den Hauptwettbewerb.  An den ersten beiden Abenden bestimmen die Zuschauer, wer ins Finale kommt.

Jury Über den Sieger entschied schließlich am dritten und letzten Abend eine neunköpfige Jury, der unter anderem eine Musikredakteurin, der Intendant des Renitenztheaters und die Direktorin der Akademie für gesprochenes Wort angehörten.

Preisgeld Der Sieger Peter Fischer erhielt neben der Trophäe, dem „Troubadour“, ein Preisgeld in Höhe von 5000 Euro. Den Förderpreis für Künstler unter 35 Jahren, der bei dem Wettbewerb jedes Jahr ausgelobt wird, teilten sich in diesem Jahr die Sängerinnen Chiara Stelle Renata und Milene. tjb

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

undefined Function "box_swo_tabellen_get_tabledata_by_leokuerzel".
Zum Schluss

Warum man mit Energiesparlampen ...

Die modernen Glühlampen sind gut für die Umwelt, weil sie Energie sparen, aber schwierig zum Entsorgen.

Energiesparlampen schonen das Klima, weil sie viel weniger Strom verbrauchen als die alten Glühbirnen. Doch wenn sie zerbrechen, ist Vorsicht angesagt – vor allem, wenn sie Quecksilber enthalten. mehr

Studie: Meiste Reiche leben in ...

Weltweit gibt es immer mehr Millionäre. Auch in Deutschland steigt die Zahl der Reichen. Das geht aus einer Studie des Beratungsunternehmens Capgemini hervor. mehr

Mückenplage droht – ...

Wo kommt sie vor? Asiatische Tigermücke (Aedes albopictus).

Deutschland droht eine Stechmückenplage. Der Grund: das feuchtwarme Wetter. Experten bitten darum, Mücken zu fangen und einzusenden. mehr