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Auf Augenhöhe: 50 Jahre Streetwork in Baden-Württemberg

Es waren kleine Anfänge in Stuttgart, doch von da aus ging es ins ganze Land: Seit 50 Jahren helfen Streetworker in Baden-Württemberg Jugendlichen.

BARBARA WOLLNY |

Es geht um Leute wie Mike. Mike ist 18 und gemessen an seinem jungen Alter hat er schon ganz schön viel durchgemacht. „Mit 14 stand ich kurz vor dem Jugendknast“, erzählt er. Es folgt der Kurzabriss seiner Geschichte, einer Verkettung schwieriger, zum Teil unglücklicher Umstände:  „Meinen Vater kenne ich nicht, der Freund meiner Mutter kotzt mich an. Er wollte, dass ich ins Heim gehe. Das mache ich auf keinen Fall, eher wohne ich auf der Straße. Ich bekomme kein Taschengeld, also geh ich klauen. Der Richter sagt, beim nächsten Mal komme ich in den Knast. Das Jugendamt sagt, mit dem Freundeskreis würde ich es nie schaffen. Dabei habe ich ja sonst niemanden.“

Mike brauchte dringend Unterstützung – und Mike bekam sie. Über die Schule nahm die mobile Jugendhilfe Stuttgart Kontakt zu dem Jungen auf. Ein Jahr später konnten ihn die Sozialpädagogen überzeugen, ab und zu bei den Sportangeboten der mobilen Jugendarbeit mitzumachen. Sie begleiteten Mike zum Jugendamt, sprachen mit der Mutter und vermittelten ihn in ein Projekt, das sich um Schulverweigerer kümmert. Nach zwei Jahren war Mike soweit, dass er intensive Lernhilfen annahm und sich im örtlichen Basketballclub anmeldete.

Ein typischer Fall für Walther Specht, den Gründer und heutigen Ehrenvorsitzenden der Internationalen Gesellschaft für Mobile Jugendarbeit – dem eine zentrale Rolle bei der Einführung des Streetworking zukommt.

Vor 50 Jahren wurde erstmals in Deutschland mit mobiler Jugendarbeit experimentiert. Im Stuttgarter Stadtteil Freiberg spricht im Herbst 1967 ein junger Sozialarbeiter auffällig gewordene Jugendliche direkt auf der Straße an und versucht so, mit ihnen in Kontakt zu kommen. Damals, als Krawalle und Gewaltbereitschaft unter den Jugendlichen zunahmen und die Bevölkerung schärfere Kontrollen und Polizeieinsätze forderte, beauftragte die Evangelische Gesellschaft Stuttgart den jungen Sozialarbeiter Specht,  eine neue, offene Form der Jugendarbeit im Stuttgarter Norden zu praktizieren.

Specht hatte sich im Rahmen seines Sozialpädagogik-Studiums mit dem Konzept des Streetworking befasst. Im Deutschland der 60er Jahre war diese Form der Jugendsozialarbeit unbekannt. Gefährdete, verwahrloste Jugendliche wurden in Heimen weggesperrt und mit repressiven Erziehungsmethoden konfrontiert.

„Ziel der mobilen Jugendarbeit ist die Verbesserung der Lebenslage von gefährdeten, benachteiligten und dadurch ausgegrenzten Kindern und Jugendlichen. Sie begleitet und bewahrt durch die Unterstützung vor dem Abrutschen“, sagt Specht. Damit sei das Streetworking auch Friedensarbeit. Wobei Friede als ein Prozess gelingender Integration wie auch abnehmender Gewalt in Familie, in der Clique oder auf der Straße zu verstehen sei.

„Anfangs dachten die Jugendlichen, das sei ein neuer Trick. Dass jetzt die Polizei als Sozialarbeiter verkleidet bei ihnen auftauche“, erinnert sich Specht. Und auch daran, dass die Finanzierung anfangs schwierig war. „Man braucht Rückenwind durch Verbündete in den Institutionen und in der Bevölkerung“, sagt er.

Heute ist mobile Jugendarbeit nicht nur in Stuttgart, sondern im ganzen Südwesten und Deutschland ein etabliertes Angebot. Sie unterstützt und begleitet gefährdete und sozial benachteiligte Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene von 10 bis 27 Jahren.

„Die Aufgaben, die im Übergang vom Jugend- ins Erwachsenenalter bewältigt werden müssen, haben sich in den letzten 50 Jahren entwicklungspsychologisch nicht verändert“, sagte Sabine Henninger, die Vorsitzende des Dachverbands Mobile Jugendarbeit in Stuttgart, bei einer Jubiläumsfeier Ende letzter Woche in Stuttgart. Verändert aber hätten sich die Lebenslagen der Jugendlichen, wie die starke Zunahme von Teil- und Patchworkfamilien, der Einfluss der digitalen Medien und der hohe Anteil von Jugendlichen mit Migrationshintergrund.

Vielschichtige Probleme

Die Probleme sind vielschichtig: Geringe oder keine Unterstützung durch die Eltern, Hausverbote im Jugendhaus und anderen Treffpunkten, Wohnungslosigkeit, Gewaltbereitschaft, Drogenkonsum, Medikamenten- oder Alkoholmissbrauch, Schulverweise, Schwangerschaften, materielle Not –  meist kommen mehrere Probleme zusammen.

„Die Wirksamkeit unserer Arbeit ist schwer zu messen“, sagt Cathrin Maier, seit fünf Jahren als Sozialpädagogin in der mobilen Kindersozialarbeit in Weilimdorf tätig. „Wir sind Begleiter auf einem Weg, in dem es stabile Phasen gibt und immer wieder Brüche. Unsere Adressaten wissen, es ist jemand da, zu dem man kommen und auf Augenhöhe über Probleme sprechen kann und nicht abgelehnt wird, weil man aus dem Raster fällt. Es ist Beziehungsarbeit. Man geht ein Stück Weg miteinander.“

Als Stuttgarter Modell ins ganze Land

150 Standorte Aus den kleinen Anfängen ist eine bundesweite Bewegung entstanden. In Baden-Württemberg gibt es aktuell an 150 Standorten Angebote zur mobilen Jugendarbeit. Die Einrichtungen sind in der Landesarbeitsgemeinschaft Mobile Jugendarbeit (LAG Jugendarbeit BW e.V.) organisiert.

Landeshauptstadt In Stuttgart sind in 17 Stadtteilen 42 Vollzeitkräfte und 250 Ehrenamtliche im Einsatz. 3000 Jugendliche wurden 2016 in Stuttgart durch die Streetworker erreicht. Träger der Jugendarbeit sind neben der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart die evangelische und katholische Kirche sowie die Caritas. bw

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